Christiane und der Regenwurm
Christiane,
die schwarze Nacktschnecke hatte es schwer im Leben. Sie wurde von
Igeln und anderen Tieren gejagt, und von den Menschen gnadenlos
bekämpft, nur weil sie gerne, statt nur von den Wildkräutern, von den
Blumen und den Salat naschte. Christiane bewunderte die hochnäsige
Charlotte Häusle, denn diese Schnecke besaß ein wunderschönes und
geräumiges Haus. Sie hatte wohl schwer daran zu tragen, aber wenn man
es etwas besser als andere haben wollte, musste man sich eben auch mit
einer größeren Last abplagen. Christiane hatte kein Haus, wo sie vor
Gefahren geschützt war, und sie es sich richtig gemütlich machen
konnte. Sie musste sich verkriechen, wenn die Natur Blitz, Donner und
Regen in den Garten schickte, oder bei Gefahr hoffen, dass man sie
nicht entdeckte. Christiane war das traurigste Lebewesen im großen
Garten. Aber immerhin hatte sie in Tobias Rothaut einen Freund
gefunden. Tobias Rothaut war kein Indianer, wie man vielleicht denken
könnte, nein, er war ein wunderschöner Regenwurm, der hauptsächlich in
der Erde lebte, und dafür sorgte, daß der Boden fruchtbar blieb. Somit
war Tobias Rothaut eines der wichtigsten Tiere im Garten und genoß
großes Ansehen. Ganz im Gegensatz zu Christiane, die nicht einmal einen
Nachnamen besaß.
Tobias und Christiane trafen sich oft, wenn Tobias dabei war seine
Kottürmchen an der Erdoberfläche aufzuhäufen. Dann unterhielten sie
sich über dies und das, bevor Tobias Rothaut wieder in der Erde
verschwand, und Christiane bewundernd Charlotte Häusle beobachtete, wie
diese elegant auf einem Rosenblatt saß. Als an einem Abend Christiane
nur knapp einem Igel entkam, und sie schwer schnaufend von Tobias
gefunden wurde, wusste er, er musste etwas für die Nacktschnecke tun.
Und der Regenwurm zog sich nachdenklich in seine unterirdische Wohnung
zurück.
Einige Tage später schlug Tobias Christiane einen kleinen Spaziergang
in den Garten vor. Als sie an Charlotte Häusle vorbei kamen, blickte
Charlotte Christiane hochnäsig an und fiel dabei fast von einer Blume.
Christiane lächelte trotzdem freundlich und ging weiter. Während ihres
Spaziergangs kamen sie wie zufällig an einer Weißdornhecke vorbei.
„Christiane, ich habe eine kleine Überraschung für dich,“ sagte Tobias
zu seiner Freundin, die sich gerade in einer Wasserpfütze betrachtete.
„Ja?“
„Ich habe ein Haus für Dich gefunden.“
„Wie, wo?“
Die Nacktschnecke blickte sich um, dann entdeckte sie eine riesige Walnussschale.
„Nein,“ schrie sie aufgeregt, „ein Haus, ganz für mich allein?“
Tobias Rothaut hatte die leere Walnuß am Rande des Gartens gefunden,
und unter Aufbietung all seiner Kräfte am Vortag in die Weißdornhecke
geschoben.
„Willst Du dir dein Haus nicht einmal näher anschauen, liebste Christiane?“
„Oh ja, oh ja.“
„Leider kannst Du nicht wie Charlotte mit deinem neuen Haus spazieren
gehen, aber für die Nacht, vor dem Igel, und bei schlechtem Wetter
bietet es Dir ausreichend Schutz.“
„Oh, Tobias, du bist ein wahrer Schatz,“ hörte er noch, bevor die Nacktschnecke in ihrem Häuschen verschwand.
Zwei Tage später feierte Christiane mit Tobias, um ihr Haus
einzuweihen, ein großes Fest, und sogar Charlotte Häusle, die sie
eingeladen hatte, erschien mit ein paar anderen Bewohnern des Gartens.
Es war ein großer Tag für die Nacktschnecke, die sich von diesem Tage
an glücklich und zufrieden fühlte. Und der Regenwurm Tobias Rothaut war
stolz seiner Freundin geholfen zu haben.
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