Wieder ein Unfall
Der
Garten war wundervoll angelegt. Die vier Prinzessinnen gingen
hoheitsvoll zu den uralten Rosenstöcken und betrachteten dabei
lieblich lächelnd die neuen Triebe, die Unmengen von herrlichen
Rosenblüten versprachen. Kronprinz Tannenheinz ging nervös neben
ihnen her, denn er musste zugeben, dass ihm die Prinzessinnen
ausnehmend gut gefielen. Sie waren wirklich wunderschön. Vielleicht
noch schöner als Su, aber da war er sich nicht sicher. Astbert und
Holzfriedel waren zuversichtlich, dass Tannenheinz unter ihnen die
richtige Frau finden würde. König Zirbellius und Tannenheinz Tannen
sprachen über ihre Herrscherhäuser, wobei der König doch
überrascht war, dass der Kronprinz nur der Neffe des amtierenden
Königs war.
„Hat
Ihr Onkel nie geheiratet“, fragte Zirbellius der Fabelhafte.
„Gegessen
hat er“, antwortete Tannenheinz wahrheitsgemäß.
„Bitte?“
„Er
hat seine Zeit hauptsächlich mit Essen verbracht.“
„Aha.
Und Sie, lieber Prinz?“
„Ich
esse auch gern“, antwortete Tannenheinz.
„Das
sieht man“, lachte plötzlich Prinzessin Zirbu.
Und
die drei anderen Prinzessinnen fielen mit ein.
„Kinder“,
brummte der König, „ein bisschen mehr Respekt gegenüber unseren
Gästen.“
Tannenheinz
Tannen lief rot an.
Astbert
Kirschstein konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren, denn zu
glockenhell klang das Lachen der Prinzessinnen, denen man einfach
nicht böse sein konnte. Holzfriedel durfte als Zeremonienmeisterin
offiziell natürlich nicht über diesen Ausrutscher lachen. Aber die
Prinzessinnen waren eben noch sehr jung.
„Wie
alt sind Sie eigentlich, Prinz Tannenheinz“, fragte Prinzessin
Zirbu jetzt wieder ernst.
„Zirbu,
das fragt man nicht“, flüsterte Zirbo ihrer vorlauten Schwester
zu.
„Na
und? Ich will es aber wissen“, sagte Zirbu entschieden.
Schüchtern
antwortete der Kronprinz schließlich: „Vierzig.“
„Es
tut mir leid, lieber Prinz. Ich hatte wegen meiner umfangreichen
Regierungsgeschäfte nicht ausreichend Zeit meinen Töchtern Manieren
beizubringen.“
„Eine
gewisse Frische ist nie verkehrt, Majestät“, sagte Astbert
beschwichtigend.
Astbert
gefielen die Prinzessinnen.
Auch
Holzfriedel lächelte zufrieden und sagte zu ihrem Bruder: „Es wäre
schön, wenn endlich wieder ein frischer Wind in unserem Königshause
wehen würde.“
Nach
weiteren belanglosen Gesprächen, bei denen die Prinzessinnen
Kronprinz Tannenheinz unentwegt beäugten, nahmen der König, die
Prinzessinnen und die drei Wurzelzwerge auf der Terrasse Platz.
Diener brachten Getränke.
„Also,
Kinder“, sagte König Zirbellius der Fabelhafte, „dieser Prinz
Tannenheinz hier wird eines Tages König der Wurzelzwerge sein, ein
Volk, nicht so wohlhabend wie wir Zirben, aber dem wir in
Freundschaft sehr verbunden sind und er möchte eine von euch
ehelichen. Habe ich mich so richtig ausgedrückt“, fragte der König
sich an Astbert wendend.
„Ja“,
antwortete Astbert Kirschstein.
„Also,
eine von euch wird die Königin der Wurzelzwerge. Aber welche?“
Zirbellius
schaute seine Töchter fragend an. Dann blickte er Tannenheinz an,
der verschämt in sein Glas Traubensaft guckte. Aber er schaute zu
tief hinein. Durch die zu starke Neigung des Kopfes fiel seine Krone
vom Haupt auf den Tisch. Ein vielstimmiges Gelächter hob an.
Tannenheinz schämte sich ungemein. Selbst Astbert und Holzfriedel
waren peinlich berührt. Und als Tannenheinz wieder nach seiner
kleinen Krone griff, riss er auch noch das Glas um und der
Traubensaft floss dem König der Zirben auf die königliche Hose.
Zirba, Zirbi, Zirbo und Zirbu amüsierten sich prächtig. Sie wollten
gar nicht mehr zu lachen aufhören, währenddessen Holzfriedel
Kirschstein versuchte, sich für den Kronprinzen zu entschuldigen und
den Nässezufluss vom Tisch auf die Hose des Königs zu stoppen.

Ein
Diener hatte unterdessen einige Handtücher gebracht um seinen König
abzutrocknen.
„Sitzt
Ihre Krone wieder richtig“, wandte sich der König leicht erzürnt
an Tannenheinz.
Dieser
nickte heftig. Bei dieser Bewegung rutschte ihm die Krone auf die
Nase, wo sie glücklicherweise hängen blieb.
Tannenheinz
Tannen riss sich die Krone von der Nase und steckte sie beschämt
ein. Wieder hatten die Prinzessinnen etwas zu lachen. Dem Kronprinzen
gefiel das gar nicht, aber da auch Astbert diplomatisch lächelte,
lächelte Tannenheinz schüchtern mit.
„Ich
würde vorschlagen“, sagte schließlich Zirbellius der Fabelhafte,
„dass unsere Gäste mit meinen Töchtern einen kleinen gemeinsamen
Spaziergang zu unserem See unternehmen um sich besser
kennenzulernen. Ich werde in der Zwischenzeit meine Kleidung
wechseln.“
Sie
waren einverstanden. Die anderen Wurzelzwerge gesellten sich nun auch
zu ihnen. Su Krötenstern-Spies war vom Schloss des Königs schwer
beeindruckt.
„So
etwas musst du dir auch bauen lassen, Tannenheinz“, sagte sie.
Doch
der Kronprinz antwortete nur mit einem Kopfschütteln und die schönen
Prinzessinnen lachten.
Astbert,
der auch noch Junggeselle war, beneidete den Kronprinzen, der
zwischen solch schönen Mädchen eine Frau wählen durfte. Besonders
Zirba gefiel Astbert. Sie schien schon etwas besonnener als ihre
Schwestern zu sein und außerdem mehr als nur wunderschön. Sie war
die Schönste der vier jungen Damen, da war sich Astbert Kirschstein
sicher. Aber auch Su war von der Lieblichkeit der Prinzessinnen
beeindruckt, darum ließ sie auch während der Wanderung zum See
ihren Mann nicht aus den Augen und wich ihm keinen Zentimeter von der
Seite. Als sie die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatten, machten
sie Rast. Zwischen Eichbäumen standen zwei Bänke. Es war nur Platz
für die vier Prinzessinnen, für Holzfriedel und für Su.
Tannenheinz war als einziger der Männer müde, vielleicht auch
deswegen, weil einiges schief gelaufen war. Er suchte nach einer
Sitzgelegenheit und fand schließlich einen großen Stein, der
zwischen zwei Büschen in der Nähe lag. Tannenheinz Tannen setzte
sich sogleich, aber plötzlich hob sich der Stein und rannte in
Windeseile davon. Der Kronprinz saß auf einem verschreckten Reh.
„Zu
Hilfe“, schrie er, „zu Hilfe!“
Brutus
Halm hatte als erster die missliche Lage des Kronprinzen erkannt.
„Tannenheinz,
dort“, schrie er Beulen-Joe und Astbert zu.
„Zu
Hilfe“, schrie der Kronprinz noch einmal, bevor er auf dem Rücken
des Rehs sitzend im dichten Unterholz verschwand.
Holzfriedel
und Su schüttelten fassungslos die Köpfe, während die
Prinzessinnen vergnügt lachten, als Brutus, Astbert und Beulen-Joe
die Verfolgung aufnahmen. Gundermann Hohlstein blieb zum Schutz bei
den Damen.
Brutus,
als bester Waldläufer der Wurzelzwerge berühmt, fand bald die Spur
des Rehs. Im Laufschritt folgten Beulen-Joe und Astbert Brutus. Ein
Reh, viel größer als ein Wurzelzwerg, hatte eigentlich keine Angst
vor ihnen. Aber vielleicht war der Schreck, dass da jemand auf seinem
Rücken Platz genommen hatte, der Grund, weswegen es Hals über Kopf
davongelaufen war.
Zweige
schlugen ihnen ins Gesicht. Brutus hatte die Spur trotz des sehr
dichten Bewuchses nicht verloren, aber sie hörten keine Hilferufe
des Thronfolgers mehr. War er ohnmächtig? War er gestürzt? Astbert
Kirschstein dachte mit Entsetzen an das Bild, das Tannenheinz Tannen
bei den Prinzessinnen hinterlassen hatte. Würde auch jetzt noch eine
von ihnen den Kronprinzen heiraten wollen? Beulen-Joe und Astbert
wurden von Brutus angetrieben, der unbeirrt der Spur des flüchtigen
Rehs folgte.
„Wir
müssen ihn finden. Was würde unser König sagen, wenn wir statt
eines Brautpaars nicht einmal mehr Tannenheinz nach Hause brächten“,
sagte Brutus atemlos.
Während
der rasanten Jagd stürzte Astbert krachend über eine Baumwurzel. Er
verletzte sich am rechten Arm und auch sein Gesicht blutete leicht.
Glücklicherweise hatte es Beulen-Joe gesehen, der Brutus zum Halten
aufforderte. Sie halfen Astbert wieder auf die Beine, der sich aber
nicht ernstlich verletzt hatte. So ging die Verfolgung des Rehs
weiter. Das Unterholz wurde immer dichter. Astbert war schon total
erschöpft. Auf einmal öffnete sich das Unterholz und sie standen
vor einem Moorgebiet. Brutus Halm sah gerade noch, wie das Reh sich
schwimmend aus dem Moor befreite und in das Unterholz am anderen Ende
flüchtete. Aber Tannenheinz Tannen saß nicht mehr auf dem Rücken
des Waldtiers. Hatten sie die ganze Zeit das falsche Reh verfolgt?
Da
hörten sie die ihnen wohlbekannte Stimme: „Zu Hilfe! Zu Hilfe!“
Und
bald hatten die drei Wurzelzwerge ihren Kronprinzen entdeckt. Er lag
natürlich in einem Moorloch. Kopfüber war er dort hineingepurzelt.
Mit vereinten Kräften zogen Brutus, Beulen-Joe und Astbert ihn
vorsichtig heraus.
„Tannenheinz,
was hast du jetzt bloß wieder angestellt“, fragte Astbert fast
schon respektlos.
„Nichts“,
sagte Tannenheinz nur, „es war ein Unfall.“
Astbert
Kirschstein schüttelte nur den Kopf. Was würden die Prinzessinnen
sagen? Er befürchtete Schlimmes. Wortlos gingen die drei
Wurzelzwerge mit ihrem Kronprinzen zurück zu den Wartenden.
Abgekämpft
trafen sie dort bald ein. Als die Prinzessinnen Tannenheinz sahen,
mussten sie schallend lachen, denn er sah so furchtbar schmutzig aus,
wie ein kleiner Junge, der sich zusammen mit Schweinen gesuhlt hatte.
Leider war nun auch König Zirbellius der Fabelhafte anwesend, der,
als er Tannenheinz so sah, entsetzt den Kopf schüttelte.
„Ob
man so um die Hand einer Prinzessin anhalten kann“, fragte
Holzfriedel leise ihren Bruder.
Astbert
hatte große Zweifel. Tannenheinz stand mit gesenktem Kopf zwischen
Beulen-Joe und Astbert, die noch schwer atmend froh waren ihren
zukünftigen König gerettet zu haben. Nur Brutus schien von der
Rettungsaktion kaum mitgenommen.
„Herr
Halm, Sie sind aber stark“, bemerkte Prinzessin Zirbu begeistert.
Brutus
lief rot an und antwortete nicht.
„Was
ist passiert“, fragte König Zirbellius der Fabelhafte höflich,
obwohl er genau wusste, was passiert war.
„Ein
Reh hat mich mit sich fortgerissen“, antwortete Tannenheinz leise.
„Na,
ja“, sagte der König milde, „säubern Sie sich. Danach werden
wir uns alle noch einmal zusammensetzen.“
„Jawohl“,
antwortete Astbert anstelle von Tannenheinz, der vollkommen
durchnässt, nun zu zittern begann.
„Oh“,
sagte plötzlich Prinzessin Zirba, „Herr Kirschstein, Sie sind ja
verletzt.“
Und
schon untersuchte sie fürsorglich seine Wunden.
„Das
sieht nicht gut aus. Ich werde es drinnen gleich auswaschen und
verbinden“, sagte Zirba, dabei blickte sie Astbert tief in die
Augen.
„Oh“,
sagte nun Zirbo, „Herr Spies, auch Sie sind verwundet.“
Schon
wollte sie Beulen-Joes Wunde begutachten, als Su vehement dazwischen
trat und sagte: „Meinen Johann verbinde nur ich, Prinzessin.
Verzeiht.“
„Deine
Frau ist ja richtig eifersüchtig“, raunte Brutus Beulen-Joe zu.
Dieser
nickte kurz und grinste ihn an: „Ist doch toll, oder?“