Der Fluss
Kurz
nach Mittag erreichten sie den Fluss, der durch den ständigen Regen
gewaltige Ausmaße angenommen hatte. Er war wie ein wildes Tier, das
alles mit sich fortriss. Er war laut und stark. Sorgenvoll starrten
sie den gewaltigen Strom an.
„Bauen
wir ein Floß“, meinte Brutus Halm.
„Mit
einem unserer Flöße hätten wir auf diesem Fluss keine Chance,
Brutus. Er ist viel zu wild. Wir würden unweigerlich kentern“,
sagte Astbert Kirschstein.
„Aber
was können wir tun“, fragte Tacitus, „wir müssen ihn
überqueren.“
Unentschlossen
standen die fünf Wurzelzwerge am Ufer des tobenden Flusses.
„Ich
habe eine Idee“, sagte Beulen-Joe Spies.
Wie
er zu diesem merkwürdigen Vornamen gekommen war, wusste niemand
mehr, nicht einmal er selbst.
Beulen-Joe
Spies nahm ein langes Seil von der Schulter, knotete das eine Ende an
seinen Speer und das andere an einen in der Nähe stehenden dicken
Baum fest und trat einige Schritte zurück.
„Was
hast du vor“, fragte Astbert.
„Ich
werde meinen Speer zum anderen Ufer werfen. Und zwar“, er deutete
auf eine Erle auf der anderen Seite des Flusses, „dorthin.“
„Und
wir sollen uns dann am Seil über den Fluss hangeln“, fragte
Zweigfried Kirschstein nachdenklich.
Beulen-Joe
antwortete nicht. Er ging noch einige weitere Schritte zurück und
warf nach einem Anlauf seinen Speer kraftvoll ab. Es war ein
fantastischer Wurf. Der
Speer flog über den tobenden Fluss und bohrte sich mitten in die
Erle hinein. Das Seil war lang genug, sodass es jetzt stramm über
dem Fluss hing. Beulen-Joe prüfte die Festigkeit des Seiles. Es war
in Ordnung.
„Ich
bin der Erste“, sagte er noch und sprang mit seinem ganzen Gepäck
an das Seil und begann seine gefährliche Hangelei über den wilden
Fluss.

Beulen-Joe
war stark und kam ohne große Mühe hinüber. Auch Brutus Halm, der
Kämpe schaffte die Kletterpartie mit Leichtigkeit. Nun war Astbert
Kirschstein an der Reihe, der nicht so gut in Form war wie die beiden
Soldaten. Ängstlich starrte Astbert das Seil an. Tacitus Halm sprach
ihm Mut zu. Dann begann Astbert sein großes Abenteuer. Zuerst ging
es leichter, als er es gedacht hatte. Aber als er mitten über dem
Fluss nach unten starrte, wurde ihm übel und die Kräfte verließen
ihn. Wie gelähmt hing er bewegungslos am Seil. Auch das Rufen von
Brutus und Beulen-Joe, er solle weitermachen, half ihm nicht. Er
konnte nicht mehr. Krampfhaft hielt er sich am Seil fest. Dann hatten
seine Hände keine Kraft mehr.
Er
schloss verzweifelt die Augen und am liebsten hätte er auch die
Ohren geschlossen, um diese tobenden Wassermassen unter sich nicht
mehr hören zu müssen. Seine Hände lösten sich langsam vom Seil.
Er wusste, es war zu Ende. Plötzlich hielt ihn ein starker Arm fest.
Es war Beulen-Joe Spies, der sich zurückgehangelt hatte, um das
Leben Astberts zu retten. Glücklicherweise war der Wurf Beulen-Joes
so kräftig und treffsicher gewesen, dass das Seil zwei Männer
gleichzeitig tragen konnte. Langsam und vorsichtig unterstützte
Beulen-Joe Astbert bei seiner Klettertour über den Fluss. Vollkommen
entkräftet erreichten sie schließlich das andere Ufer.
Nun
war Tacitus Halm an der Reihe, der als ausgezeichneter Sportler mit
dem Überwinden des Flusses keine Schwierigkeiten hatte. Als Letzter
stand nun Zweigfried Kirschstein bereit. Er war jünger und kräftiger
als sein Bruder, aber trotzdem hatte er große Angst. Er zögerte
lange, aber als er Rotfuchs plötzlich näher kommen sah, überwand
er seine Beklommenheit und schwang sich an das Seil. Gerade noch
rechtzeitig. Zweigfried verlieh die doppelte Gefahr Kraft und er
hatte beinahe das andere Ufer erreicht, als er einen Ruck verspürte,
der ihn fast in den Fluss geworfen hätte. Der Speer in der Erle
hatte sich gelockert. Bei dem Ruck verlor Zweigfried seine ganze
Ausrüstung, die im Fluss versank. Seine Freunde hatten alles genau
beobachtet und stützten nun gemeinsam den Speer in der Erle so
lange, bis auch Zweigfried Kirschstein das Ufer erreicht hatte.
Glücklich umarmten sich die Freunde. Der Fluss war überwunden. Aber
nun waren sie in einem fremden Land, wo noch nie vorher ein
Wurzelzwerg gewesen war. Unsicher blickten sie sich um. Aber ihre
Reise musste weitergehen. Ohne ihre Kochutensilien nahmen sie ihre
Wanderung nach Osten wieder auf.