Philippus und das Streitross



König Reimer der Zweite von Butjadingen war schon ein alter, aber weiser König. Er wußte von der Liebe zwischen seiner Tochter Kassandra und dem armen, unbedeutenden Grafensohn Philippus.
Eine Heirat zwischen ihnen war aber nicht standesgemäß. Deshalb weinte die schöne Kassandra oft, und wenn Philippus sich nicht in ihrer Nähe befand, war sie unglücklich. König Reimer war dieses nicht entgangen, und er rief Philippus zu sich.
„Philippus, meine Tochter hat sehr viele Bewerber, aber sie liebt Dich und auch ich mag Dich, weil ich weiß, daß Du ein tapferer und guter Mann bist. Drum höre! Ich stelle Dir acht Aufgaben, die Du zu erfüllen hast. Wenn Du alle acht erfolgreich erledigt hast, bekommst Du Kassandra zur Frau.“
Philippus stimmte begeistert zu, und auch Prinzessin Kassandra konnte ihr Glück kaum fassen, aber als sie von der ersten Aufgabe erfuhr, die ihr Vater für ihren Liebsten ersonnen hatte, bekam sie große Angst. Aber Philippus beruhigte sie und versprach seine glückliche Wiederkehr.
Des Königs erste Aufgabe lautete: „Bring mir einen Pferdeapfel des berühmten Streitrosses Rellum.“

Philippus bestieg sein Mofa und fuhr sofort zum Chefbibliothekar der Residenzstadt Onno Röller, der ihm nur mitteilen konnte, daß das Streitroß Rellum auf der Ostfriesischen Insel Kurzeroog beheimatet sein soll.
„Von Kurzeroog habe ich noch nie etwas gehört,“ sprach Philippus nachdenklich.
„Genau das ist das Problem. Niemand weiß es genau. Vielleicht ist diese Insel auch nur eine Legende.“
„Ich werde sie finden,“ sagte der junge Abenteurer.
Voller Elan sprang Philippus auf sein Mofa, doch Onno Röller hielt ihn zurück.
„Besuch einen guten Bekannten von mir in Esens. Ritter Pauli bewohnt dort eine Mehrfamilienburg. Er wird Dir bestimmt helfen können.“
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Ohne besondere Vorkommnisse erreichte Philippus am nächsten Tag Esens und fand bald die prachtvolle Mehrfamilienburg Ritter Paulis, die direkt an der alten Heerstraße stand. Der Ritter bewohnte dort die 3. Etage. Ritter Paulis riesenhafter Wuchs beeindruckte den eher schmächtigen, dafür aber sehr drahtigen Philippus, der sogleich von seiner ihm gestellten ersten Aufgabe sprach.
„Eine schwere Aufgabe, mein Sohn“ sagte der Ritter und fuhr fort: „Kurzeroog soll sich zwischen Langeoog und Baltrum befinden. Das Roß lebt allein darauf. Und es ist sehr gefährlich.“
Mehr konnte Ritter Pauli dem armen Philippus nicht berichten.
Der junge Abenteurer bedankte sich artig und bestieg wieder sein geliebtes Mofa um nach Langeoog zu fahren.
Schnell erreichte Philippus die Hafenstadt Bensersiel und nahm dort die Mofa-Fähre „Kölestine“, wo er etwas zur Ruhe kam und ausgiebig frühstückte.
Er verließ die Fähre in der Hauptstadt Langeoogs Oogburg und suchte sofort den Inselgouverneur Harm von Calbe auf.
Herr von Calbe, ein schon älterer Herr mit einer riesigen hängenden Unterlippe, begrüßte den guten Philippus sehr freundlich und zeigte dem jungen Gast die Sehenswürdigkeiten der Insel. Das Schloß von König Herbert den Vierundzwanzigsten konnte leider nicht besichtigt werden, da gerade eine größere Touristengruppe aus Japan dort eingefallen war.
Nur nach langem Zögern ging Harm von Calbe auf die drängenden Fragen seines Gastes ein.
„Der Name Rellum ist auf Langeoog tabu. Das riesige Pferd hat vor rund 200 Jahren große Teile unseres Eilands verwüstet. Glücklicherweise weilte damals gerade der berühmte Zauberer Perplin zur Kur auf unserer Insel. Es gelang ihm, das Roß von der Insel zu verbannen. Einen Teil der Insel konnte Rellum behaupten. Dieses Teil trennte sich auf wunderbarerweise von Langeoog und verschwand aus unseren Blicken. Das ist nun die Insel Kurzeroog. Aber niemand hat seit diesem Tag die neue Insel und das Streitroß Rellum je wiedergesehen.“
„Interessant,“ sagte der kluge Philippus, „wo mag Kurzeroog nun ungefähr liegen?“
„Nördlich von hier – wahrscheinlich! Aber niemand weiß es genau.“
Nach dem Mahl verließ Philippus Herrn von Calbe und ließ das Mofa bei ihm. Er ging zum Hafen und mietete den Fischer Erich Ehrlich und dessen Boot. Sie stachen am nächsten Morgen in See.
Die Stimmung an Bord war gut, doch nach zehn Tagen Seereise hatten sie immer noch nicht Kurzeroog gefunden. Ein Sturm brachte sie in der folgenden Nacht vom Kurs ab, aber ein Wunder war geschehen. Der Sturm hatte sie an den Strand der Insel Kurzeroog getrieben. Ehrlich und Philippus betraten vorsichtig den Strand. Das es Kurzeroog war, stand bald fest, denn donnernde Hufe kündigten ein riesiges Pferd an. Das Streitroß Rellum!
Die ganze kleine Insel, die nur mit wenigen Bäumen bewachsen war, bebte unter den Hufen des Pferdes. Ängstlich rannten die beiden Männer zurück zum Boot und wollten wieder ablegen, doch das riesige Pferd, daß nun den Strand erreicht hatte, wieherte freudig erregt und rief die Männer freundlich an: „Lauft doch nicht weg. Bitte!“
Philippus und Erich Ehrlich wagten sich wieder auf die Insel.
Nun sagte das Pferd lächelnd: „Ich bin ja so froh, daß ich noch einmal Menschen sehen und sprechen kann. Immer nur Möwen und Heringe ist langweilig. Wer seid Ihr? Was wollt Ihr von mir? Wer sind eure Freunde. Wer ist euer König? Erzählt mir alles, bitte!“
Das Streitroß Rellum war äußerst redselig, und der Fischer Ehrlich und der gute Philippus erzählten stundenlang bis sie nicht mehr konnten. Vier ganze Tage redeten sie – immer wieder von Fragen des Pferdes unterbrochen – bis zur Erschöpfung.
Dann endlich hatte Rellum genug gehört und sagte: „Vielen, vielen Dank, Freunde. Ihr seht mitgenommen aus und braucht Ruhe.“
Zwei Tage später verließen die beiden Männer Kurzeroog. Rellum gab ihnen zum Dank den gewünschten Pferdeapfel. Philippus hatte dem Streitroß die Rückkehr zur Zivilisation angeboten, doch Rellum hatte geantwortet: „Diese Insel ist die Strafe für die Untaten meiner Jugend, habt Dank.“
Und so segelten die beiden Männer bewegt wieder ab.
Herr von Calbe in Oogburg konnte den Erzählungen Philippus´ kaum Glauben schenken, daß das Streitroß Rellum friedlich geworden war. Aber er hörte es voller Freude. Philippus nahm sein Mofa wieder in Empfang und verabschiedete sich vom tapferen Fischer Erich Ehrlich.
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Vom Palast König Reimers des Zweiten wurde Philippus bereits frühzeitig gesichtet. Denn eine große Fliegenschar verfolgte ihn. Glücklich seine erste Aufgabe gemeistert zu haben, begab er sich sofort zum König, der ihn bereits erwartete. Die strahlende Kassandra stand an seiner Seite. Nach der üblichen formellen Begrüßung übergab der Abenteurer den sorgfältig eingewickelten Pferdeapfel seinem König. Der Duft war berauschend, und der Königliche Kammerjäger hatte alle Hände voll zu tun, um den Heerscharen der Fliegen Herr zu werden.
Vorsichtig zerteilte Reimer der Zweite den Pferdeapfel und holte zum Entzücken aller einen Edelstein heraus.
„Die erste Aufgabe hast Du zu meiner Freude erfolgreich erfüllt, Philippus,“ bestätigte der Herrscher.
„Danke, mein König,“ antwortete der junge Mann und nahm Kassandra, die er Kassi nannte, in die Arme.

 

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