Der Weihnachtsmann und der Riese




Es war Heiliger Abend.
Tanja, Tascha und Joschi warteten auf die Bescherung. Ihre Eltern hatten sie in ihre Zimmer geschickt. Dort sollten sie noch etwas spielen.
Tanja glaubte zu wissen warum: "Mami und Papi bringen jetzt die Geschenke ins Wohnzimmer."
"Stimmt nicht, Tanja," protestierte ihr kleiner Bruder Joschi, "Mami und Papi machen das nicht. Der Weihnachtsmann bringt doch die Geschenke."
"Quatsch," sagte Tanja, "es gibt gar keinen Weihnachtsmann."
"Doch," widersprach Joschi.
"Nein, Du Dummer. Glaub' es mir. Es gibt keinen Weihnachtsmann," sagte Tanja wieder.
"Weißt Du das genau," fragte Tascha unsicher.
"Inessa hat mir erzählt, daß bei ihr zu Haus immer ihr Onkel den Weihnachtsmann spielt. Sie hat ihn genau erkannt," sagte Tanja.
"Ja," fragte Tascha, "aber im Fernsehen haben wir doch schon oft Filme mit dem Weihnachtsmann gesehen - auch mit den Rentieren und den Kobolden, die die Geschenke machen."
"Alles gelogen," antwortete Tanja mit Nachdruck.
"Stimmt nicht. Es gibt doch einen Weihnachtsmann," meinte Joschi.
"Gar nicht," sagte Tanja nur.
"Doch," beharrte Joschi.
"Nein."
"Doch."
Tascha schaute Tanja ganz verunsichert an und sagte vorsichtig:
"Und wenn es doch einen gibt?"
"Manno! Wenn ich euch sage: Es gibt keinen Weihnachtsmann. Dann gibt es keinen! Verstanden?"
"Tanja lügt," heulte Joschi los.
"Gar nicht."
"Doch.“
"Es gibt keinen Weihnachtsmann," schrie Tanja böse.
Plötzlich wurde es im Zimmer ganz hell. Ein Licht blendete die drei Geschwister, und als sie endlich wieder richtig sehen konnten, stand mitten im Raum ein älterer Mann mit einem langen weißen Bart. Er trug einen roten Mantel.
"So, Ihr drei Kinder glaubt also nicht mehr an mich," fragte der Weihnachtsmann und schüttelte mißmutig den Kopf.
"Doch," beeilte sich der kleine Joschi zu sagen, "Tanja hat Tascha und mir gesagt, daß es Dich nicht gibt."
"Gar nicht," log Tanja.
"Jawohl, hast Du doch gesagt," sagte Tascha.
"Stimmt das, Tanja," fragte der Weihnachtsmann traurig.
"Nur wegen Inessa," flüsterte Tanja leise.
"Tanja, Tanja, ich bin von dir enttäuscht," sagte der Weihnachtsmann nachdenklich und fuhr fort: "Euer Vater hat euch doch bestimmt gesagt, daß der Weihnachtsmann nur zu den lieben, aber nicht zu den ungezogenen Kindern kommt. Hab' ich recht?"
Und Tascha antwortete: "Ja, das stimmt. Als Tanja von Inessa's Onkel erzählte hat unser Papi gleich gesagt, daß der Weihnachtsmann nur zu den lieben Kindern kommt und ihnen Geschenke bringt. Für die ungezogenen Kinder kaufen die Eltern die Geschenke und tun so, als wenn der Weihnachtsmann sie gebracht hätte."
"Und genauso ist es, Kinder," sagte der Weihnachtsmann.
"Und was ist jetzt mit uns," fragte Tanja mit Tränen in den Augen.
"Tanja, glaubst Du denn wieder an mich," fragte der Weihnachtsmann.
Tanja nickte vorsichtig.
"Tanja hat nur Angst, daß sie keine Geschenke bekommt," sagte Tascha frech.
"Gar nicht," sagte Tanja fast weinend.
"Und was ist mit euch, Tascha und Joschi?"
"Ich glaube an dich," sagte Joschi überzeugend.
"Ich auch," beeilte sich Tascha zu sagen.
"Bestimmt," fragte der Weihnachtsmann.
"Ja."
"Mhm," machte der Weihnachtsmann und kämmte mit seiner Hand nachdenklich seinen langen, weißen Bart.
Tanja hatte zu weinen angefangen.
"Weine nicht, Tanja," sagte der Weihnachtsmann, "heutzutage glauben nicht mehr viele Menschen an mich. Besonders nicht die Erwachsenen. Nur die kleinen Kinder wie Joschi haben noch Vertrauen zum Weihnachtsmann."
Joschi blickte den Weihnachtsmann mit großen Augen an.
Tanja hatte aufgehört zu weinen und blickte den Weihnachtsmann fragend an: "Aber alle großen Kinder sagen, daß es Dich nicht gibt."
"Stehe ich nicht vor Euch," fragte er.
"Doch," sagte Joschi laut und begeistert.
"Und wo ist der Sack mit den Geschenken," fragte Tascha vorsichtig.
"Auf meinem Schlitten natürlich."
"Und wo ist der," fragte Tanja.
"Ich merke schon, Ihr glaubt doch nicht an mich," sagte der Weihnachtsmann traurig.
"Doch," sagte Joschi laut.
"Beweise es," sagte Tanja - kaum hörbar.
"Du willst einen Beweis?"
"Bitte," flüsterte Tanja.
Der Weihnachtsmann stand kopfschüttelnd vor ihnen.
"Wenn ich nicht der Weihnachtsmann wäre, würde ich vor Euch davonlaufen, Kinder," sagte er sehr traurig.
"Nein, bitte nicht," bettelte Joschi und zog am roten Mantel des Weihnachtsmannes.
"Na gut, aber nur wegen Joschi werde ich euch einen Beweis geben. Also, was soll ich machen?"
"Biegt wirklich ein Riese die Bananen krumm," fragte Joschi plötzlich.
"Aber Joschi," schnauzte Tanja Joschi gleich an, "was hat das mit dem Weihnachtsmann zu tun."
Joschi schaute mit großen, bittenden Augen den Weihnachtsmann an.
"Jawohl, ein Riese macht das.“
"Stimmt doch gar nicht," sagte Tanja gleich.
"Oh, Tanja," sagte der Weihnachtsmann nur.
Sofort senkte sie dickköpfig ihren Kopf.
"Joschi, willst du den Riesen sehen," fragte der Weihnachtsmann und nahm Joschi auf den Arm.
"Ja," sagte er gleich begeistert.
"Ich auch," strahlte Tascha den Weihnachtsmann an.
"Und du, Tanja," fragte er.
Zuerst zuckte sie mit den Schultern, doch dann nickte sie schließlich.
"Also, los," sagte der Weihnachtsmann, "folgt mir und zieht Eure Mäntel an, denn oben am Himmel ist es sehr kalt. Der Nordwind weht heute sehr kräftig."
Sie gingen nach draußen.
Der Weihnachtsmann pfiff und schon kam aus dem Himmel das Rentiergespann mit dem Schlitten herangeflogen.
Die drei Kinder nahmen im vollgepackten Schlitten Platz. Der Weihnachtsmann legte ihnen dicke Wolldecken um die Schultern und setzte sich nach vorn.
"Haltet Euch gut fest," rief er noch, und schon stieg der Schlitten in Windeseile in den Himmel auf.
Die Rentiere schnauften voller Vergnügen. Tanja und Tascha hielten sich krampfhaft fest, während Joschi lachend die schönen Rentiere, die Wolken und den Himmel betrachtete.
Ihr Haus war schon lange nicht mehr zu sehen, und bald war auch das Dorf und die nahe Stadt aus ihren Blickwinkeln verschwunden.
Nach einigen Minuten bemerkten sie, daß die Rentiere ihr Tempo verlangsamten und tiefer flogen.
"Wir sind bald da," brummte der Weihnachtsmann vergnügt.
Weihnachtsmann
Und schon setzte der Schlitten zur Landung an. Am Rande eines Regenwaldes kamen sie zum Stehen. Es war plötzlich fürchterlich heiß. Sie streiften die Decken und ihre Mäntel ab und stiegen aus.
"Wo sind wir," fragte Tanja.
"Auf einer Insel in der Karibik,” antwortete der Weihnachtsmann und blinzelte in die Sonne.
Der Weihnachtsmann blickte erstaunt zur Sonne: "Was, so spät ist es schon? Kinder, Ihr müßt allein zum Riesen. Ich habe keine Zeit mehr. Ich muß die Geschenke weiter verteilen."
"Und der Riese," fragte Tascha.
"Er ist lieb und heißt Rodrigo. Ich hole Euch nachher bei ihm ab," sagte der Weihnachtsmann.
"Seht ihr den Pfad," fragte er, "folgt ihm den Vulkan hoch. Also bis bald."
Und schon war der Schlitten verschwunden.
So blieben die drei Kinder mitten im Regenwald allein.
"Es ist so heiß hier," meckerte Tascha.
"Nun kommt schon," rief Joschi plötzlich, der dem Pfad schon ein ganzes Stück gefolgt war.
"Joschi, warte auf uns," rief Tanja ängstlich.
"Macht schon. Ich will endlich einen Riesen sehen," sagte Joschi ungeduldig.
Die beiden Mädchen folgten Joschi, der schon ganz aufgeregt war.
Der Regenwald war sehr geräuschvoll. Viele Vögel flogen umher. Affen kreischten. Der Urwald war schön. Sie sahen viele Blumen und gewaltige Bäume. Plötzlich drang ein merkwürdiges Geräusch an ihre Ohren. Es klang wie ein Sturmwind.
"Ein Orkan," fragte Tanja leise.
Aber die Bäume am Hang des Vulkans standen still. Kein Blatt bewegte sich. Sie schauten zum Himmel, aber keine Regen- oder Sturmwolke verdunkelte ihn.
"Merkwürdig," sagte Tanja, "kommt, laßt uns weitergehen."
Das Geräusch wurde immer lauter. Es klang fast wie ein großes Wehklagen.
"Rodrigo weint," sagte auf einmal Joschi.
"Der Riese weint," fragte Tanja.
Und das Weinen wurde immer lauter und stärker. Bald hatten sie die Spitze des Vulkans erreicht. Der Ausblick von hier oben war grandios. Und endlich sahen sie den Riesen. Er saß auf der anderen Seite des Vulkans. Er war braungebrannt und hatte strubbeliges schwarzes Haar. Er schien noch ziemlich jung zu sein. Und freundlich sah er aus. Aber er weinte. Er hatte ganz verquollene Augen. Den drei Geschwistern stiegen selbst Tränen in die Augen.
"Der arme Riese," schluchzte Tascha.
Joschi hatte den meisten Mut. Er trat nah an den Riesen heran und zog ihn am Schnürband seines rechten Schuhs. Denn der Riese war wirklich riesengroß. Dieser war so mit dem Abtrocknen seiner Augen beschäftigt, daß er Joschi gar nicht bemerkte.
"Rodrigo, hallo," rief Joschi, aber seine Stimme war viel zu schwach gegen des Riesen Wehklagen.
Kurz entschlossen begann Joschi den Schuh des Riesen zu erklimmen. Er kletterte höher und höher. Glücklicherweise trug der Riese ein Hemd mit vielen Knöpfen, so konnte Joschi sich von Knopfloch zu Knopfloch hochziehen. Tanja und Tascha waren vom Schneid ihres Bruders überrascht. Sie hatten gar nicht gewußt wie mutig Joschi sein konnte. Als er den Kragenausschnitt erreicht hatte, schrie er aus Leibeskräften: "Rodrigo, Rodrigo."
Endlich hatte der Riese etwas bemerkt.
"Oh," brummte der Riese, der vor Überraschung zu weinen aufhörte.
"Oh," sagte er noch einmal, "ein Mensch."
Er nahm Joschi in die Hand und betrachtete ihn.
"Bist du der Riese Rodrigo," fragte Joschi.
"Ja," brummte dieser freundlich.
"Ich bin Joschi, und die da unten sind meine Schwestern Tascha und Tanja."
"Angenehm," brummte der Riese.
Er griff mit der anderen Hand nach den beiden Mädchen, die kreischend von ihm zu Joschi auf die Hand gesetzt wurden. Tascha wollte gerade zu  weinen anfangen, doch als sie in die tränenfeuchten und traurigen Augen des Riesen geblickt hatte, entschloß sie sich darauf zu verzichten.
"Du biegst die Bananen krumm," fragte Joschi.
"Ja, das ist meine Aufgabe," antwortete der Riese Rodrigo.
"Aber im Moment arbeitest du nicht," fragte Tascha.
"Ich kann nicht," sagte der Riese, und er weinte wieder.
"Warum weinst Du," fragte Joschi, "hast Du Schmerzen?"
"Nein."
Riese Rodrigo
"Rodrigo, was ist mit dir? Weißt Du, ich wollte dich schon immer mal kennenlernen. Ich hab' den Weihnachtsmann gefragt, ob wirklich ein Riese die Bananen krumm biegt. Und er hat uns hierhergebracht, damit wir sehen können, ob das wirklich stimmt," sagte Joschi.
"Der Weihnachtsmann?“
"Ja, der Weihnachtsmann."
"Der Weihnachtsmann war hier? Ich habe ihn nicht gesehen."
"Ich kann es nicht glauben," sagte der Riese nachdenklich.
"Und ich kann nicht glauben, daß Du der Riese Rodrigo bist, der die Bananen krumm biegt, denn ich sehe hier keine einzige Banane," sagte Tanja.
"Es ist wahr," sagte Rodrigo, "festhalten. Ich stehe auf."
Mühsam stand der Riese auf. Tanja und Tascha wurden fast schwindelig, als sie durch die Finger des Riesen in die Tiefe schauten. Er ging ein paar Schritte zur Westseite des Vulkans und setzte sich dort wieder vorsichtig nieder.
Übereinandergestapelt lagen dort Millionen von Bananen. Sie waren alle vollkommen gerade, und die meisten von ihnen noch ganz grün.
"Die sehen aber komisch aus. So gerade," sagte Joschi.
"Mußt Du die noch krumm biegen," fragte Tascha den Riesen.
"Ja, eine Menge Arbeit," antwortete Rodrigo.
"Hast Du heute deinen freien Tag," fragte Tanja.
"Ich habe schon seit vier Tagen nicht mehr gearbeitet," sagte der Riese.
"Aber," meinte Joschi, "wenn Du die Bananen nicht krumm biegst haben viele Menschen nichts zu essen."
"Ich kann nicht arbeiten, weil ich so unglücklich bin," sagte Rodrigo.
"Aber warum denn? Sag' es uns doch. Vielleicht können wir Dir helfen," meinte Tanja.
"Ich habe den Glauben verloren."
"Welchen Glauben," fragte Tascha.
"An den Weihnachtsmann," antwortete Rodrigo.
"Ich hatte ihn auch verloren," sagte Tanja leise.
"Bekommt Ihr denn auch noch Geschenke, obwohl ihr nicht mehr an ihn geglaubt habt," fragte der Riese.
"Ich habe immer an ihn geglaubt," verbesserte Joschi.
"Ich auch. Tanja nicht," sagte Tascha schnell, "wegen ihrer Freundin."
"Rodrigo, warum glaubst Du denn nicht mehr an den Weihnachtsmann," fragte Joschi.
"Ich habe vom Weihnachtsmann zu viel verlangt, und als er mir meine Wünsche nicht alle erfüllte, habe ich ihn in meinem Herzen verleugnet."
Und wieder fing der Riese zu weinen an.
"Merkwürdig, daß der Weihnachtsmann gerade uns zu Rodrigo geführt hat," sagte Tanja nachdenklich.
"Rodrigo, was hast Du dir denn vom Weihnachtsmann gewünscht," fragte Tascha.
"Eine Bananenkrummbiegemaschine und viele andere Dinge."
"Eine Bananenkrummbiegemaschine," fragte Joschi, "gibt es so etwas wirklich?"
"Bisher noch nicht. Die Menschen werden immer mehr, und sie wollen immer mehr Bananen essen. Ich kann es nicht mehr alleine schaffen," und er blickte traurig auf den riesigen Berg gerader Bananen.
"Als mir vor ein paar Tagen einfiel, daß bald Weihnachten ist, wurde ich so traurig, weil ich ungerecht gegenüber dem Weihnachtsmann gewesen war. Nun habe ich auch noch meine Arbeit vernachlässigt. Ich bin ein schlechter Riese," sagte Rodrigo traurig.
"Das bist Du nicht," tröstete Joschi den Riesen und streichelte liebevoll den Finger auf dem er saß.
"Können wir dir beim Biegen vielleicht helfen," fragte Tanja.
"Nein. Das kann nur ein Riese oder eine Bananenkrummbiegemaschine," sagte Rodrigo leise.
Der Riese griff mit seiner freien Hand nach hinten und hatte schließlich hunderte von Bananen in der offenen Hand.
Er setzte die Kinder vorsichtig auf seine Schulter, denn für das Krummbiegen benötigte er beide Hände. Er ordnete mit seiner freien Hand die Bananen, die in Längsrichtung von den Fingern zum Handballen liegen mußten. Dann ballte er langsam die Hand zur Faust. Ein fast schmatzendes Geräusch drang aus der Faust zu den Kindern, die gespannt auf die Hand achteten.
"Fast eine Minute muß ich meine Faust ballen," erklärte Rodrigo.
Dann öffnete er sie langsam, und die Kinder betrachteten erstaunt die krummen Bananen. Keines der Früchte war verletzt worden.
"Kann ich es auch einmal versuchen," fragte Joschi Rodrigo.
"Wenn Du willst," sagte der Riese und lachte zum erstenmal, "dann müssen wir aber erst einmal eine besonders kleine Banane für deine Faust finden."
Der Riese setzte Joschi vorsichtig auf den Boden und sagte: "Jetzt suche selbst nach einer kleinen Banane, mir würde sie bestimmt unter den Fingernagel rutschen," und er lachte dröhnend.
 Joschi suchte gar nicht so lange im Bananenberg, bis er die richtige Banane gefunden hatte. Freudestrahlend kam er zum Riesen zurück, der ihn sofort wieder auf seine Schulter zu Tanja und Tascha setzte.
"Jetzt versuche es, kleiner Junge."
"Ich bin nicht klein. Ich gehe schon in den Kindergarten."
"Entschuldige," sagte der Riese lachend.
Joschi legte sich die Banane, so wie es der Riese auch getan hatte, auf die Hand. Dann versuchte er mit seiner ganzen Kraft die Hand zu schließen, aber es wollte nicht richtig klappen.
"Ich bin stark," murmelte er immer wieder, aber er konnte keine Faust ballen, denn die Banane leistete überraschend heftig Widerstand.
Dann endlich gab die Banane nach, aber nicht so, wie es sich Joschi vorgestellt hatte, denn die Schale platzte auf, und das Fruchtfleisch spritzte Joschi mitten ins Gesicht.
Es klebte auf seiner Nase, und ein Ohr war vollkommen mit Bananenmus verstopft. Joschis Gesicht zeigte einen großen Ekel. Er sah so lustig dabei aus, daß seine Schwestern und der Riese Rodrigo furchtbar lachen mußten.
"Ich finde das gar nicht lustig," sagte Joschi noch, aber dann lachte auch er lauthals mit.
Tanja wischte Joschis Gesicht wieder einigermaßen sauber. Der Riese und die drei Kinder lachten noch lange. So fröhlich war Rodrigo schon ewig nicht mehr gewesen. Wieder kamen ihm Tränen, aber diesmal der Freude.
Rodrigo
"Ich freue mich, daß Ihr mich besuchen gekommen seid," sagte der Riese, " ich habe jetzt auch wieder Lust zu arbeiten," und er blickte sich um, "ja, und ich habe eine Menge zu tun."
"Ich würde dir gerne helfen," sagte Joschi, dem immer noch etwas Bananenfleisch am Ohr hing.
"Ihr habt mir schon sehr geholfen, Kinder," und er strahlte die drei Kinder an.
"Aber," sagte Tanja, "ein bißchen vom Heiligen Abend sollst Du doch noch haben."
Und sie wandte sich an ihre Geschwister: "Wollen wir für Rodrigo nicht ein paar Weihnachtslieder singen?"
"Oh, ja," sagten Tascha und Joschi fröhlich.
Der Riese setzte die Kinder auf seinen Bauch und schon begann die Vorstellung.
Sie sangen alle Weihnachtslieder, die sie kannten, wie: "Oh, du Fröhliche","Oh, Tannenbaum" oder "Jingle Bells" und noch viele andere mehr. Rodrigo klatschte nach jedem Lied begeistert Beifall.
Der Riese gewann seine ganze Fröhlichkeit wieder, und er freute sich auf den Heiligen Abend, auch wenn er kein Geschenk vom Weihnachtsmann bekommen würde. Um Mitternacht, wenn der erste Weihnachtstag begann, würde er hinauf in den Himmel schauen und voller Freude an die Bedeutung des Weihnachtsfestes denken. Tanja und ihre Geschwister sangen so wunderschön und voller Hingabe, bis Rodrigo schließlich mitsummte. So wurde dieser Tag für Rodrigo der schönste Heilige Abend seit vielen, vielen Jahren.
"Hat es Dir gefallen, Rodrigo," fragte Tanja.
"Ihr habt so wunderschön gesungen. Vielen, vielen Dank."
"Bist Du nun nicht mehr so traurig," fragte Joschi.
"Nein, Kinder. Wie sollte ich am Heiligen Abend traurig sein?"
"Wir haben gar kein Geschenk für Rodrigo," fiel Tascha ein.
"Doch," rief Joschi plötzlich und griff in seine Hosentasche.
"Ein Geschenk für mich," fragte Rodrigo bewegt.
"Ein Kaubonbon," sagte Joschi fröhlich.
"Aber, Joschi. Das ist doch viel zu klein für einen Riesen," meinte Tanja kopfschüttelnd.
Joschi hielt das noch in Papier gewickelte Kaubonbon Rodrigo hin, der es kaum erkennen konnte, so klein war es für ihn.
"Du mußt es mir in den Mund stecken," sagte Rodrigo, "meine Finger sind für das Bonbon viel zu groß."
Joschi wickelte das Bonbon aus, und der Riese hob Joschi vorsichtig vom Bauch an seinen Mund. Joschi legte das Kaubonbon auf die Zunge des Riesen.
"Mhm, schmeckt das gut," bedankte sich Rodrigo.
"Vielen Dank für dieses schöne, kleine Weihnachtsfest. Ich wünschte, Ihr würdet mich nie mehr verlassen, aber das wäre ein Wunsch, den mir auch nicht der Weihnachtsmann erfüllen würde, denn was würden eure Eltern dazu sagen?"
"Genauso ist es," sagte plötzlich eine Stimme hinter ihnen.
Es war der Weihnachtsmann, der gerade mit seinem Rentiergespann gelandet war. Er setzte sich zu den Kindern auf den Bauch des Riesen.
"Ihr seht alle so fröhlich aus," sagte der Weihnachtsmann lächelnd, "und sogar Rodrigo strahlt."
"Wir sind auch fröhlich," sagte Tascha, und Rodrigo nickte so heftig, daß sie fast vom Bauch des Riesen gepurzelt wären.
"Kinder, ich glaube, ich muß euch jetzt nach Hause bringen. Ihr kommt sonst zu spät zur Bescherung," sagte der Weihnachtsmann lächelnd.
"Bescherung," fragte Tanja leise, "wir alle drei, oder nur Tascha und Joschi?"
"Ihr drei. Ich weiß, Tanja, daß Du wieder an mich glaubst. Ich fühle es," sagte der Weihnachtsmann.
Tanja senkte den Kopf und sagte fast unhörbar: "Es stimmt. Ja, ich glaube wieder an Dich."
"Rodrigo, dort liegt ein Geschenk für dich."
Der Riese konnte nicht glauben, was er soeben gehört hatte.
"Ein Geschenk? Für mich?“
Er setzte die Kinder und den Weihnachtsmann vorsichtig auf den Boden und schaute aufgeregt zur anderen Seite des Vulkans. Dort lag ein riesiges Paket. Der Riese wickelte es aus. Es war eine Bananenkrummbiegemaschine. Rodrigo stiegen wieder Tränen in die Augen. Sprachlos schaute er den Weihnachtsmann und die Kinder an.
"Danke," brachte er gerade noch heraus.
"Fröhliche Weihnachten," rief der Weihnachtsmann dem Riesen zu.
"Fröhliche Weihnachten," riefen die Kinder.
"Wir müssen Rodrigo jetzt verlassen."
"... und zur Bescherung," unterbrach Joschi den Weihnachtsmann.
"Richtig, mein Junge," und der Weihnachtsmann strich über Joschis Kopf.
"Verabschiedet euch von Rodrigo, Kinder."
Der Riese legte seine rechte Hand auf die Erde, und die Kinder berührten zum Abschied den kleinen Finger des Riesen.
"Fröhliche Weihnachten, Rodrigo," riefen sie noch einmal.
"Fröhliche Weihnachten. Besucht mich bald wieder, Kinder," sagte der Riese bewegt.
"Machen wir," versprach Tanja.
Sie setzten sich zum Weihnachtsmann in den Schlitten und schon ging die Fahrt los.
Und wieder flogen die Rentiere rasend schnell dahin. Nun hatten auch Tanja und Tascha keine Angst mehr. Sie fühlten sich im Schlitten und in der Nähe des Weihnachtsmannes sicher.
Vorsichtig setzte der Schlitten kurz darauf vor ihrem Haus auf.
"Nun geht hinein. Es ist Zeit für die Bescherung, Kinder," sagte der Weihnachtsmann.
Die Kinder stiegen aus und gaben ihm zum Abschied die Hand.
"Fröhliche Weihnachten, Kinder."
"Fröhliche Weihnachten, lieber, guter Weihnachtsmann."
Er hob grüßend die Hand, die Rentiere zogen an und schon hob der Schlitten ab und verschwand im Nachthimmel.
Tanja, Tascha und Joschi gingen ins Haus. Es wurde ein herrliches Weihnachtsfest, und das nicht nur wegen der Geschenke. Eines war sicher, diesen Heiligen Abend würden sie nie vergessen.

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